1800 - 1809
Klassisch-antike Linien, die napoleonische Zeit und der Aufbruch ins 19. Jahrhundert
In dieser Beitragsreihe betrachten wir Trends in der europäischen Mode im Detail. Wir fangen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, arbeiten uns dann chronologisch Jahrzehnt für Jahrzehnt bis ins 20. Jahrhundert vor und werfen dann einen Blick zurück auf die Zeit vor 1800. Mein Ziel ist es, vor allem die Alltagskleidung vergangener Jahrhunderte mithilfe vieler Beispiele und Bilder verständlich und berührbar zu machen. Dabei geht es mir weniger darum, den Ursprung dieser Trends zu erkunden, obwohl auch das eine Rolle spielen soll, sondern darum, wie sie praktisch Tag für Tag getragen wurden. Um die Beiträge nicht ausufern zu lassen, habe ich mich entschieden Frisuren, Schmuck und dergleichen separat zu behandeln. Viel Spaß!
Ich habe eine Weile überlegt, wo ich zeitlich mit dieser Beitragsreihe einsetzen soll, denn wenn man wollte, könnte man die Geschichte europäischer Kleidung und “Trends” bis in die Antike zurückverfolgen. Während dieser Newsletter in Zukunft durchaus auch in frühere historische Epochen aufbrechen möchte, beschäftigt er sich jedoch vorrangig mit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hier liegt auch mein Spezialgebiet als (Kleider)-Historikerin. Deshalb habe ich beschlossen, für’s Erste auch genau hier zu beginnen, an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, nicht zuletzt auch, weil sich Moden und Trends durch die voranschreitende Globalisierung und Industrialisierung ab hier deutlich rasanter verändern als in den Jahrzehnten zuvor.
Während man die Trends des frühen 18. Jahrhunderts zum Beispiel noch kompakt für mehrere Jahrzehnte zusammenfassen kann, geht das um 1800 längst nicht mehr. Zwar gibt es noch geringe regionale Unterschiede, doch neue Trends werden in Paris gemacht und verbreiten sich in Folge der beginnenden transatlantischen Migration, besseren Reisemöglichkeiten und auch den Kriegs- und Revolutionswirren der Epoche von dort aus über den europäischen Kontinent, die britischen Inseln und bis nach Nordamerika, vor allem in der Form von Mode-Zeitschriften und -Drucken, die die neusten Stile vorstellten.
1800 - 1804: Aufklärung, Revolution und antik-klassische Linien
Während die Kleidung des sehr frühen 19. Jahrhunderts oft mit romantisch-pastoraler Verklärung in Verbindung gebracht wird, war sie im Kern ein starkes politisches Symbol, denn sie war nicht nur eine Reaktion auf die neuen Ideale der Aufklärung des späteren 18. Jahrhunderts - Natürlichkeit, Vernunft und Rationalität - sondern auch auf die Atlantischen Revolutionen, vor allem die französische (1789 - 1799). Die Kleidung des in Verruf geratenen “ancien régime” wurde nun mit der Unterdrückung und der politischen Ungleichheit der vergangenen Jahrhunderte in Verbindung gebracht. Es musste also etwas völlig Neues her. Der aufklärerische Gedanke und vor allem das neue Interesse an der als demokratisches Ideal verstandenen klassischen Antike wirkten sich bereits seit den 1780er Jahren auf die Kleidung aus.
Ende der 1790er Jahre kulminierten diese Entwicklungen in einer neuen Silhouette: Nach aufklärerischem Ideal sollte Kleidung schlicht und vernünftig sein und orientierte sich stark an antik-klassischen Gewändern, inspiriert durch archäologische Funde im heutigen Griechenland und Italien. Die Taillennaht sitzt direkt unter der Brust - Ein Stil, der als “Empire-Taille” bekannt ist, benannt nach der französischen Epochenbezeichnung für die Zeit ab 1804. Die Röcke fallen bodenlang und weich und haben meist eine Schleppe, das ideale Kleid besteht aus hauchdünner, oft transparenter Baumwolle, vor allem aus Musselin in verschiedenen Weißtönen. Nicht nur existiert ein neues, antik-klassisch inspiriertes Schönheitsideal, basierend auf antiken Statuen, die neue Mode drückt auch ein neues, demokratisch orientiertes politisches Empfinden in Zentraleuropa aus.
1805 - 1809: Das Empire und das Ende der Aufklärung
Dieser Stil der 1790er Jahre, wegen seiner kreisrund fallenden, vollen Röcke “robe ronde”, also “rundes Kleid”, genannt, bleibt bis in die frühen Jahre der 1800er erhalten. Nach 1805 verändert sich die modische Linie jedoch erneut und wird strukturierter und geometrischer. Die Fülle der Röcke konzentriert sich jetzt nur noch hinten, während sie vorn flach herabfallen, und vom schlichten weißen Mussenkleid und den antik-klassischen Idealen wird etwas Abstand gewonnen. Besonders Kleider für den Alltag sind nun auch immer öfter in dunkleren Farben gehalten und während das transparente, pastellhelle Musselinkleid in der Abendmode beliebt bleibt, werden im Alltag vermehrt leichte, aber blickdichte Baumwoll- und Seidenstoffe getragen.
Um 1810 ist eine deutlich “aufgeräumte” Silhouette erreicht, die auf den antiken Effekt drapierter Stoffe, Schleppen und lose sitzender Kleidung immer eher verzichtet. Während die frühen 1800er mit ihren kurzen Ärmeln und tiefsitzenden, runden Ausschnitten recht freizügig waren, setzt sich um 1810 ganz langsam eine Regel durch, die das gesamte 19. Jahrhundert bestimmen wird: Lange Ärmel für Alltagskleidung, kurze Ärmel und tiefer sitzende Ausschnitte für die Abendgarderobe. Und während auch die antik-weißen Kleider der frühen 1800er oft durch farbige Stickereien aufgelockert wurden, sieht die Alltagskleidung um 1810 deutlich häufiger bemalte oder bedruckte Musterstoffe, meist pastoraler und floraler Art.
Diese Entwicklung weg von klassisch-antik inspirierten Moden geht auch mit einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung weg von klassisch-antik inspirierten Demokratieformen und -Philosophien einher. 1804 endet in Frankreich mit der Ernennung Napoleon Bonapartes zum französischen Kaiser die Erste Republik und wird vom Ersten Kaiserreich (“l’Empire français”) abgelöst. Die darauffolgende Epoche wird in Europa als napoleonische Zeit, geprägt von den napoleonischen Kriegen, bekannt und geht mit der Entzauberung der Ideale der Aufklärung einher. Schon hier beginnt eine erste Rückbesinnung auf die vorrevolutionären Ideale, die nicht nur die Politik, sondern auch die Moden der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark prägen wird. Aber dazu bald mehr.
Wie trägt man ein Kleid der 1800er Jahre?

Bei der Kleidung der 1800er Jahre handelt es sich, für historische Kleidung eher ungewöhnlich, um ein zusammenhängendes Kleidungsstück, nicht um separate Röcke und Mieder, bei dem der vordere Teil des Mieders nicht eingenäht ist, sondern lose herunterhängt. Man zieht sich das Kleid über den Kopf, schlüpft in die Ärmel und befestigt den “Latz” entweder mit kleinen Stecknadeln oder mit Knöpfen auf Höhe des Ärmelansatzes. Das Kleid ist nicht figurbetont geschnitten, sondern wird mit Bändern, die unter der Brust geschnürt und dann vom Mieder verborgen werden, in Form gebracht. Diese sind bei dem transparenten Kleid oben links gut zu sehen. Gegen Ende des Jahrzehnts kommen Kleider mit Knopfleiste im Rücken auf, die im Vergleich zu den geschnürten Latzkleidern schwieriger ohne Hilfe zu schließen sind.
Die gradlinige, schlichte Silhouette der 1800er benötigt nicht allzu viel Unterwäsche. Besonders bei transparenten Kleidern ist ein blickdichtes Unterkleid notwendig, ansonsten reicht eine Baumwoll-Chemise - ein nicht tailliertes Hemdkleid, das auf der Haut getragen wird - darüber folgt ein nur leicht oder gar nicht strukturiertes Korsett. Dieses ist eine der größten Neuheiten der Epoche, denn die neuen Moden machen die Schnürbrust der vorigen Jahrzehnte obsolet. Schnürmieder und Korsetts der 1800er Jahre kommen, gerade weil sie so neu sind, in allen möglichen Formen, am häufigsten jedoch als kurzes, direkt unter der Brust endendes, mit Fischbein, Hanfschnur oder gar nicht verstärktes Korsett, das die Brust nicht nur stützt, sondern ihr auch die hochsitzende, runde Idealform der Epoche verleiht. Nach dem Korsett folgt ein leichter Unterrock.

Besonders in den frühen 1800er Jahren wird die Fülle der Röcke im hinteren Bereich durch ein leichtes Polster erreicht, im Deutschen oft “Weiberspeck” genannt, das mit Wolle oder Baumwolle, Kork oder einfach Sägespänen (je nach Verfügbarkeit, Budget oder auch einfach Geschmack der herstellenden Person) gefüllt ist und entweder mit Bändern um die Hüfte fixiert wird, oder direkt in den Unterrock eingenäht oder mit Haken oder Stecknadeln eingesteckt ist. Letzteres ist die praktischste Methode, da das Polster so herausgelöst und mit anderen Unterröcken getragen werden kann. Dieses Polster verschwindet im Verlauf der 1800er nicht vollständig, wird jedoch deutlich kleiner, als die Röcke schmaler werden. Neben dem ästhetischen Nutzen hat es auch noch einen praktischen: Es trägt das Gewicht der Röcke.
Strümpfe werden unterhalb des Knies mit Strumpfbändern festgebunden. Je nach Anlass bestehen sie aus dünner Baumwolle oder Seide, im Winter oft aus Wolle.
Straßen- und Winterbekleidung der 1800er Jahre

Außerhalb des Hauses werden immer Kopfbedeckungen und Handschuhe getragen. Schultertücher, im Kontrast zur schlichten Kleidung bunt und gemustert, spenden Wärme. Besonders beliebt, aber auch kostspielig, sind aus Indien importierte Seidentücher, günstiger zu haben sind in Europa hergestellte Seiden- und Baumwolltücher. Mäntel für die kalte Jahreszeit kommen meist in dunklen, kräftigen Farben, vor allem Rot und Blau liegen im Trend. Getragen werden in den 1800er Jahren vor allem die Pelisse - ein lockerer, aber taillierter langer Umhang, der vorn geschlossen wird - und der Redingote . Dieser maßgeschneiderte, bodenlange Mantel ist dem Gehrock aus der Herrenmode nachempfunden und weist in den späteren 1800er Jahren, inspiriert durch die Napoleonischen Kriege, oft von Militäruniformen abgeschaute Details auf. Auch er verfügt über die hohe Taille.
Hauben haben meist eine breite, runde Kreppe und können aus Stroh sein, aber auch mit Seide oder Samt überzogen. Sie können mit Federn, Blumen oder Schleifen verziert werden. Verheiratete Frauen tragen darunter eine zarte, weiße Leinenkappe. Im Gegensatz zu den hohen Absätzen vorangegangener Jahrhunderte unterstreichen flache Lederslipper den schlicht-eleganten Charakter der Kleidung des frühen 19. Jahrhunderts. Wurden Taschen zuvor noch um die Taille geknotet unter dem Kleid getragen, machen die schmaler werdenden Röcke der späteren 1800er kleine, oft bunt bestickte Handtaschen notwendig. Weitere Accessoires der 1800er Jahre können Sonnen- und Regenschirme sein und vor allem im Winter Fellstolen und ein Muff um die Hände zu wärmen.
Mode mit kleinem Budget: Arbeiter*innenkleidung

Ein Blick auf die alltägliche Kleidung des sehr frühen 19. Jahrhunderts wäre nicht komplett, ohne auch einen Blick auf die Kleidung der arbeitenden Bevölkerung zu werfen. Denn während die prächtigste, filigrane Baumwoll- und Seidenmode, hergestellt von einer ausgebildeten Damenschneiderin, nur für die wohlhabenden Mitglieder der Gesellschaft bezahlbar waren, heißt das nicht, das nicht auch ärmere Menschen ein Bedürfnis nach und Zugriff auf modische Kleidung hatten. So ähnelt die Silhouette der Kleidung von Arbeiter*innen immer der modischen Linie. Ärmere Menschen stellten ihre Kleidung selbst her - Nähen und Ausbessern waren wertvolle Fähigkeiten, die beinahe jede*r besaß - oder erstanden günstig die abgelegten Stücke wohlhabenderer Menschen und passten diese an den eigenen Körper an.
Auch ärmeren und arbeitenden Menschen war ein gepflegtes, modisches Aussehen wichtig, einerseits für das eigene Selbstwertgefühl, andererseits, weil es von ihren Arbeitgeber*innen schlicht erwartet wurde. So gehörten zum Ensemble einer Arbeiterin ebenfalls ein Unterkleid und Unterrock, meist aus robusten Leinen, Strümpfe und ein meist selbstgemachtes Korsett, eine Schnürbrust oder ein anderes Kleidungsstück um die Brust zu stützen, oft leicht mit Schnur verstärkt. Während auch arbeitende Menschen oft ähnlich konstruierte Kleider trugen, wie reichere Menschen, waren auch praktische Kurzkleider beliebt, die über einen robusten Rock aus Baumwolle oder Wolle getragen wurden, meist bis knapp über die Hüften fielen und vorn mit Haken oder einer Schnürung geschlossen wurden.
Schürzen, modisch wie die Taillennaht direkt unter der Brust gebunden, und Halstücher, zum Schutz der Kleidung und der Haut vor Schmutz, waren ein Muss bei der Arbeit. Sehr beliebt waren karierte Leinenstoffe. Auch weiße Baumwollkappen, die das Haar vor Schmutz schützten, wurden getragen. Da der Stoff, aus dem ärmere Menschen ihre Kleidung schneiderten, oft “second hand” erworben wurde, waren sehr bunte, gemusterte Kleidungsstücke auch unter der arbeitenden Bevölkerung keine Seltenheit. Im Winter spendeten dicke Wollumhänge Wärme, eine sehr beliebte Farbe war auch hier ein sattes Rot - Die Trendfarbe des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Auch ärmere Menschen kleideten sich also ihren Mitteln entsprechend modisch und farbenfroh.
Ich hoffe, dieser Einblick in die Kleidung der 1800er Jahre hat dir gefallen. In diesem Text steckt viel Recherche, Zeit und Mühe. Falls er dir bei deinen eigenen Recherchen geholfen hat, würdest du mir mit einer Nennung als Quelle sehr helfen.
Quellen und Weiterführendes:
Ashelford, Jane: The Art of Dress. 2009.
Bullat, Samantha: Regency Working Class Women's Clothing. 07.02.2021. (Video)
Davidson, Hilary: Dress in the Age of Jane Austen. Regency Fashion. 2019.
Edwards, Lydia: How to Read a Dress. 2021.
Percoco, Cassidy: Regency Women's Dress. Techniques and Patterns 1800–1830. 2015.
Rudolph, Nicole: Regency Corset Shapes. Comparing 4 Styles on the Same Body. 06.06.2021. (Video)



